Ausfallreicher Tag
June 23rd, 2005 — red_alertGestern Nachmittag wollte ich unbedingt fuer die Pruefungen der naechsten zwei Wochen lernen.
Das Problem war nur, dass es zuhause (Altstadtwohnung) viel zu warm war (einiges waermer als draussen), ich mich in den Schulraeumen zu schnell langweile und es sich in der Badi ganz und gar nicht gut lernt.
So griff ich dann auf eine altbewaehrte Loesung zurueck: Zug fahren.
Ja, richtig gelesen, ich lerne im Zug. Mit GA ist das kein Problem. Es gibt dort eine Klimaanlage, erfrischende sowie aufweckende Getraenke, schoene Landschaften gegen die Langeweile, bequeme Sitzgelegenheiten (im Gegensatz etwa zur Schule) und nach einer Fahrt von mehr oder weniger selbstdefinierter Dauer, wartet dann doch noch irgendwo eine Badi auf einen. Und auf der Rueckfahrt kann man noch weiter lernen…
So habe ich mich also um 12:28 in den ICN Richtung Zuerich gesetzt. Ziel war noch nicht ganz klar, zur Auswahl standen zu diesem Zeitpunkt noch: Luzern, Thun, Lausanne, Genf.
Auf der Fahrt auf Zuerich hatte ich mich aber dann entschieden – fuer Thun, mit dem schoensten Freibad (“Straemu”) Europas!
Jedoch sollte dieser Plan schon bald in Gefahr geraten: irgendwo zwischen Winterthur und Zuerich war eine Weiche kaputt, deshalb konnte an dieser Stelle nur einspurig gefahren werden und wir erhielten 10min Verspaetung, waehrend die Umstiegszeit in Zuerich gerade mal etwa 3 Minuten betraegt und seit dem letzten Fahrplanwechsel Anschlusszuege nicht mehr warten.
In Zuerich ausgestiegen habe ich sogleich auf die Abfahrtinformation geschaut, welche Moeglichkeiten mir denn noch blieben – der Zug nach Luzern sollte auch schon abgefahren sein.
Glueck gehabt: Der Zug nach Thun musste zuvor auch bei der defekten Weiche durch und war daher auch noch nicht weiter. Also gings ab nach Thun, die Stadt der Alpen!
Die 10 Minuten Verspaetung holen wir sicher wieder ein, auf der einstuendigen Fahrt nach Bern, kein Problem, das gabs schon oft. Und sonst sind 10 Minuten auch nicht alle Welt, ich muss ja an keinen Termin und auch keinen Anschlusszug mehr erwischen. Tja, zu frueh gefreut. irgendwo nahe Rothrist blieben wir auf einer Bruecke mit wunderschoenem Ausblick stehen. Wieso? Eine Weiche liess sich nicht umstellen! Super, mal etwas Neues.
Dort gings aber auch schon nach 10-15 Minuten wieder weiter, halb so schlimm also. Kommen wir halt mit maximal 20-30 Minuten Verspaetung in Thun an. Ist ja alles zusaetzliche Lernzeit (habe uebrigens wirklich gelernt, der Plan war soweit also ein voller Erfolg). Dann ging es endlich ohne weitere Zwischenfaelle nach Bern.
Dort angekommen, liess man aber verlauten, dass dieser Zug nicht wie geplant noch bis Thun faehrt. Wegen der reichlichen Verspaetung mussten wir also auf den naechsten Zug umsteigen, welcher 13:31 abfahren sollte, womit wir ihn verpasst haetten, wegen Problemen fuhr dieser aber zu unserem Glueck erst um 13:39 ab.
Ploetzlich erneuter Stillstand im Bahnhof Rubigen (dass wir mit dem Schnellzug dort halten war mir wirklich neu). Technische Probleme mit dem Zug waren die Ursache. Das hat uns dann weitere 30 Minuten gekostet.
So kam ich also dann etwa eine Stunde verspaetet in Thun an. So gings dann mit dem Bus, welchen ich wegen Umbau des Bahnhofplatzes erst finden musste, auf ins Strandbad. Dort angekommen stuerzte ich mich erst einmal in den erfrischenden, aber ueberraschend warmen Thunersee, das war super. Da fragt man sich gleich wieder, wie die Winterthurer (und viele Andere) ohne auskommen. In den folgenden 2h habe ich mich also reichlich abgekuehlt, dann hab ich mich aber beeilt noch auf den naechsten Zug zu kommen, um um 20:00 wieder zuhause zu sein. Deshalb viel dann auch der Besuch bei McDonalds aus, was mich sehr reute, wollte ich doch den Burger dieser Woche probieren.
So erreichte ich also puenktlich noch den Zug, der um 17:34 in Thun abfuhr, ohne Umsteigen nach Winterthur.
Tja, denkste! Ohne Probleme in Bern angekommen, sollte es 18:02 dort weiter gehen. Als aber bereits einige Minuten zuvor die Klimaanlage ausstieg und damit die Temperatur schnell anstieg, kam uns das schon etwas komisch vor. So kam es dann auch, dass wir nicht los fuhren, als es Zeit war. Man gab uns dann auch bekannt, dass der Zug Probleme mit dem Gleischstrom haette und man nich wuesse, wann das Problem behoben sei. Super Sache. Wenn wenigstens die Klimaanlage wieder laufen wuerde, koennte ich dennoch entspannt lernen.
Ein paar Minuten spaeter wurden wir dann aufgefordert, wegen der zunehmenden Hitze im Wagen auszusteigen. Man wolle uns informieren, sobald wir wieder einsteigen und losfahren koennten.
Auf dem Perron draussen kam dann der Schock. Aus meinem Ersatzplan, halt den naechsten Zug nach Zuerich zu nehmen und dann dort umzusteigen wurde nichts: laut Lautsprecherdurchsage war der ganze Bahnhof Bern von der Strompanne betroffen.
Tja, warten wir halt. Wird sicher in einer Stunde behoben sein. So komme ich wenigstens doch noch zu meinem “Canada ‘n’ Cheese”-Burger, da in der Bahnhofshalle in Bern ein McDonalds seinen Sitz hat.
Fertig gegessen, und noch immer laeuft nichts. Soviele Leute sah ich noch nie im Berner HB, und das will etwas heissen, hab ich doch 3 Jahre lang ueber Bern gependelt.
Nach einiger Zeit kamen dann noch einige Zuege an, welche zur Zeit des Ausfalles unterwegs waren – von Dieselloks gezogen und gestossen. Seither wurde auch bekannt, dass der Ausfall die ganze Schweiz betrifft.
So verstrichen also die Stunden. Irgendwann sind dann auch einige Medien in Bern aufgetaucht, wobei es nur sehr wenige waren – den Rest hab ich in Zuerich vermutet. Zu dem Zeitpunkt habe ich mich dann auch gefragt, ob es ueberall so friedlich verlaeuft wie in Bern. Wenn die SBB noch einen DJ an die Lautsprecher gesetzt haette, waers die beste Party neben der Mainstation bzw der Streetparade geworden, da bin ich mir sicher.
So wurden halt nur viele Gespraehe gefuehrt, gespielt, gegessen, getrunken (die 20min-Boxen geben einen guten Tresen ab) und so kamen wenigstens die Kioske und Ess- sowie Trinkbuden in den Bahnhoefen auf ihre Kosten. Auch die Railbars waren so gut wie ausverkauft. Sicher auch einen ordentlichen Mehrumsatz haben die Mobiltelefonprovider gemacht, hatten doch fast alle jemanden zum anrufen. In Bern viel deswegen sogar kurz einmal das Netz aus!
Alles in allem eine interessante Sache.
Irgendwann einmal sollte dann der Zug, in dem ich urspruenglich sass, auf Olten fahren, zur Freude vieler. Dies viel aber dann auch wieder aus. Die Dieselloks, die den Zug dorthin fahren sollten, waren zwar dort, aber die elektrischen Tueren liessen sich ohne Strom nicht schliessen (nachdem sie kaum zu oeffnen waren, da anscheinend sogar die Notoeffnung vom Strom abhaengig ist) und so konnte man nicht los fahren.
Etwa eine halbe Stunde spaetere hat das Vorhaben aber dann mit einem anderen Zug geklappt.
Ab und zu traf auch mal ein Zug aus Zuerich, Lenzburg, Olten in Bern ein. Aber nach Zuerich ging noch immer nichts.
Nachdem ich bereits viel Zeit auf einem Perron und in der Unterfuehrung verbracht hatte, hab ich mal die Location gewechselt und ging auf die neue Ueberfuehrung. Dort gab es sogar noch Aussicht auf den baldigen Sonnenuntergang, herrlich! Dort hab ich dann auch noch zwei Tussis vom TeleBaern gesehen, einen gestressten Herrn von SF DRS und jemanden vom Radio DRS. Scheint so, als wollten die alle bald eine Live Schaltung machen, also bleib ich besser in der Naehe, evtl. wissen die mehr als wir.
Als dann auch noch TeleZueri sowie englischsprachige, welche und Tessiner Medien am selben Ort aufgetaucht sind, kam mir dies allerdings sehr komisch vor. Als ob es nur diesen einen Ort fuer eine Schaltung geben wuerde.
Als dann drei Herren auftauchten, und die Medien zu der zweiten (huch, es gab eine erste?) Pressekonferenz willkommen hiessen, hab ich meine Ohren besonders gespitzt. Das war uebrigens bereits um 21:00, also war ich schon 3h in Bern.
Interessante Sache, schweizweiter Ausfall mit Ursprung im Tessin, wobei der genaue Grund noch unbekannt ist. Allerdings koennen sie chon fast ueberall wieder begrenzt verkehren – in Bern am begrenztesten von ueberall. Ueber 100′000 Leute seien betroffen, ich bin also nicht ganz alleine. Allerdings gabe es Jetzt wieder einzelne Zuege von fast irgendwo nach fast ueberall. Nur von Bern nach Zuerich noch immer nicht.
Wenigstens wurde mir von Hansjoerg Hess, Leiter Infrastruktur bei der SBB versprochen, dass ich auf Kosten der SBB in ein Hotel koenne, falls ich nicht nach Hause kaeme. Wenigstens etwas. Obwohl ich auch auf Thun gekonnt haette um dort bei den Eltern zu pennen…aber da haette ich wohl doch das 4-Stern Hotel vorgezogen, inkl. gutem Essen.
Kaum war die Konferenz zu Ende (wir erhielten uebrigens noch eine schriftliche Medienmitteilung, die uploade ich evtl spaeter noch), wurde durchgegeben, auf Gleis 8 fahre bald ein Zug nach Zuerich!
Super, einsteigen (natuerlich in der ersten Klasse, das hatten wir uns verdient) und los! Nein, nichts ging los. Aussteigen bitte, dieser Zug faehrt nirgendwo hin. Aber der Zug auf Gleis 5 (aus dem ich knapp 4h zuvor ausstieg) geht nach ohne Halt nach Zuerich, Flughafen, Winterthur usw. bis Romanshorn. Der fuhr dann tatsaechlich los! Aus dem ohne Halt wurde aber nix. Nachdem wir 10 Minuten vor dem Bahnhof Olten warteten, haben wir uns noch weitere 5 Minuten Zeit genommen um im Bahnhof Passagiere aufzunehmen.
Dann gings aber ohne weitere unnormale Verzoegerungen bis Zuerich! Hurra, der groesste Teil ist hinter uns! Und der Zug soll tatsaechlich noch weiter bis auf Winterthur, daran hatte ich bis dahin nicht geglaubt. Abfahrtszeit? “Spaeter”. Ah, okay. spaeter. Naechste Durchsage: Wir sind fahrbereit, aber uns fehlt ein Lokfuehrer! TOLL, da haben sie 4h Zeit und kriegen nicht einmal einen Lokfuehrer hin, obwohl kaum Zuege fahren.
Knapp vor Mitternacht war aber dann ein Lokfuehrer gefunden und unsere letzte fahrt begann, ohne weitere Zwischenfaelle.
So kam ich dann also um 00:30 anstelle von 19:30 in Winterthur an. 5h Verspaetung auf einer 2 stuendigen fahrt. Respekt!
Der bisherige Rekord (auf meinen Fahrten) waren 3h Verspaetung auf einer Fahrt von etwa 3h.
